Der Greif in der Antike

Der Greif in der Antike 2021-03-29T17:05:07+02:00

© JC Moschetti

Von Hélène Bouillon, Kuratorin am Louvre-Lens und promovierte Ägyptologin. Sie ist Expertin auf dem Gebiet der Beziehungen zwischen Ägypten und dem Nahen Osten in der Antike, aktuell Ko-Kuratorin der Ausstellung Tables du Pouvoir (Tische der Macht) und arbeitet an einem Projekt über fantastische Tierwesen.

Wie sieht ein Greif aus? Wann und wo wurde dieses Wesen erstmals entdeckt?

Der Greif ist ein Fabelwesen, um das sich viele Legenden ranken. Und das schon seit 5000 Jahren! Er besitzt den Körper eines Löwen, dazu Klauen, Flügel und den Schnabel eines Raubvogels. Das älteste Abbild eines Greifs wurde im Iran entdeckt, auf einem Siegelabdruck aus Ton, der auf 3500 v.  Chr. datiert wird. Weil es keine mythologischen Texte dazu gibt, kennt niemand die genaue Bedeutung dieser Darstellungen. Aber wir wissen, dass sie damals verbreitet waren, denn etwa zur gleichen Zeit wurden auch in Ägypten geflügelte Löwen mit Adlerköpfen in Prunkpaletten gemeißelt. Experten sind der Ansicht, dass der Greif damals die rauen Kräfte der Natur symbolisierte, denn er wird oft zusammen mit anderen wilden Tieren (Löwen, Stiere) bzw. fantastischen Wesen (halb Schlange, halb Panther) dargestellt. Beweise dafür gibt es jedoch nicht.

 

© camerawithlegs

Im 2. Jahrtausend v. Chr. tauchten Abbildungen von Greifen in der Levante, in Anatolien und auf Zypern auf. Man findet sie vor allem auf geschnitzten Elfenbeintafeln, die einen Thron oder das königliche Bett schmückten. Der Greif ist darauf in sitzender Position, mit ausgebreiteten Flügeln und mit einer Haube geschmückt zu sehen. Etwa zur selben Zeit reiste der Greif an Bord kanaanitischer Handelsschiffe entlang der palästinensischen, syrischen und libanesischen Küste. Später, im 1. Jahrtausend v. Chr., ist er auch bei den Phöniziern und Griechen verbreitet sowie rund um das Schwarze Meer, wo er die Waffen und Möbel der Skythen und anderer Nomadenvölkern zierte. Für die Griechen waren Greife die Wächter der Schätze des Apollon und des Dionysos. Die achämenidischen Perser schmückten mit dem Fabelwesen ihre Paläste. Man findet den Greif auch auf Thronen und dem edlen Geschirr der Phryger und Lyder in Anatolien.

Welche Rolle spielt der Greif in der Mythologie? Was verkörpert er?

Die mit dem Greif verbundene Symbolik verändert sich im Lauf der Zeit. Das liegt auch daran, dass die verschiedenen Völker, die sich dieses Wesen nach und nach aneignen, aus sehr unterschiedlichen Kulturkreisen stammen. Er symbolisiert zum einen Stärke (Körper des Löwen), zum anderen Wachsamkeit (stechende Adleraugen) und schließlich Wildheit (Krallen und spitzer Schnabel des Raubvogels). Bei den Ägyptern ist er Sinnbild eines siegreichen Königs. Die Archäologen fanden ihn meist an Orten, die der königlichen Herrschaft zugeordnet waren, nämlich in Tempeln, die sich in unmittelbarer Nähe der Pyramiden aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. befanden. Die Pektoralien (Goldschmuck) des frühen 2. Jahrtausends v. Chr. stellen auch den König selbst als Greifen dar, der Fremde niedermetzelt. Der Name „Greif“ schließlich kommt aus dem Griechischen (ca. 5. Jahrhundert v. Chr.) und bedeutet „mit Krallen“ bzw. „gekrümmt“

In welcher Gestalt tritt der Greif nach der Antike in Erscheinung? Welche Rolle spielt er in der neuzeitlichen Kunst und Geschichte?

Interessant ist, dass der Greif immer den Kopf behält, den er auch auf der ersten, im Iran gefundenen Darstellung hat. Sein Kopfschmuck dagegen verändert sich im Lauf seiner vielen Reisen. Im 1. Jahrtausend v. Chr. war sein Kopf mit spitzen Ohren versehen, ähnlich wie die der mesopotamischen Dämonen. So wird er auch in den Bestiarien des Mittelalters dargestellt. Zu der Zeit und auch später in der Renaissance ziert der Greif einige Wappen. In manchen Reiseberichten, wie denen Marco Polos, ist von Greifen die Rede, die in Indien oder Äthiopien gesichtet wurden. Angeblich seien Sie stark genug, um Elefanten mit ihren Krallen in die Luft zu heben, bevor sie sie wieder fallen lassen und dann verschlingen.

All diese Legenden gemeinsam ist, dass der Greif ein mächtiges und gefährliches Fabelwesen ist, das gleichermaßen gefürchtet und geachtet wird.

Die Statue des Greifs, die in Asterix und der Greif zu sehen ist, entspricht voll und ganz der Darstellung, wie sie bei den Griechen und den Völkern rund um das Mittelmeer im 1. Jahrtausend zu finden war: Die kleinen spitzen Ohren sind erhalten geblieben. Und – oh, Wunder! Es sieht so aus, als hätten wir es hier mit der größten Skulptur eines Greifs zu tun, die jemals angefertigt wurde! 

Asterix un die Fabeltiere

Im Laufe ihrer Abenteuer sind unsere gallischen Helden schon vielen fantastischen Kreaturen begegnet, meist in urkomischen Situationen. Hier eine kleine Auswahl, bei der man glatt Lust bekommt, bis zur Veröffentlichung von Asterix und der Greif noch mal in den alten Alben zu schmökern!

– Furchterregende Kreaturen, die halb Vogel, halb Fledermaus sind, im Animationsfilm Asterix erobert Rom (1976)
– Ein wenig musikbegeisterter Drache in Asterix und Maestria (1991)
– Die Zentauren und geflügelten Ochsen von Atlantis in Obelix auf Kreuzfahrt (1996)
– Ein mürrischer Elf im illustrierten Album Asterix plaudert aus der Schule (2003)
– Der Vorfahre des Ungeheuers von Loch Ness in Asterix bei den Pikten (2013)
– Ein kratzbürstiges Einhorn in Der Papyrus des Cäsar (2015)